Gottesdienst Jakobuskirche Brackenheim am So, 15. Jan. 2012 (2. So.n.Epiph.) um 9.30 Uhr – mit Orgel u. Michael-Schütz-Quartett, mit Neujahrsgruß u. anschl. Matinée-Konzert
Jürgen Höss Ev. Dekanat Mörikestr. 6 74336 Brackenheim
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Predigttext: Joh 1,43-51
Liebe Gemeinde!
Der Praktiker trifft den Forscher – und beide werden zu „Männern der ersten Stunde“. „Männer und Frauen der ersten Stunde“ – so sprechen wir z.B. von Theodor Heuss, dem Mitbegründer und ersten Bundespräsidenten der Bundesrepublik. Oder von Gottlieb Daimler, Berta Benz und Robert Bosch, Pionieren des Automobils. Auch von Johann Hinrich Wichern, Begründer der Inneren Mission und Diakonie unserer Kirche. Der Evangelist Johannes, selber „Apostel der ersten Stunde“, lässt uns hinter die Kulissen schauen, wie so ein „Moment der ersten Stunde“ aussieht. Hier weht die Luft des Anfangs, eines neuen Morgens, wie am Beginn eines neuen Jahres. Wir spüren etwas von Aufbruch, von Staunen und offenen Türen. Philippus und Nathanael werden zu „Menschen der ersten Stunde“: herausgerufen aus gewohntem Umfeld, hinein berufen in eine neue Aufgabe und Gemeinschaft. Und für beide beginnt es mit schlichten drei Worten: „Komm und sieh!“
(1) Komm und sieh.
Es muss vieles zusammentreffen, damit es bei uns zu einer solchen „ersten Stunde“ kommen kann. Eine Stunde des Anfangs, des Aufbruchs, der Erneuerung, der Beginn einer Entwicklung.
Und wer vermag im Nachhinein sauber aufzulisten, welche Faktoren und Gründe ausschlaggebend waren oder woher die Ideen gekommen sind? Ich weiß nicht, was uns ein Robert Bosch oder eine Berta Benz antworten würden. Johann Hinrich Wichern würde vielleicht den Hinweis geben auf die Not, die er als Hamburger Pfarrer vor Augen hatte in seiner Gemeinde. Und ich würde behaupten, dass es einen Jürgen Klinsmann gebraucht hat, damit das „Sommermärchen“ bei der Fußball-WM 2006 entstehen konnte. Einen, der in seinem Kopf und Herz ein inneres Bild vor sich hatte und der dann seine Spieler damit anstecken konnte.
„Komm und sieh!“ – das ist die Einladung, ein neues Bild zu gewinnen, ein neues Bild von mir und meinem Dasein hier auf Erden. Ein neues Bild von Erde und Himmel, vom Teil und vom Ganzen, vom Heute und Morgen: „Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn“. So wie Theodor Heuss und die Väter des Grundgesetzes ein Bild von Gerechtigkeit und Demokratie, von Recht und Freiheit in sich getragen haben. So werden Philippus und Nathanael eingeladen, das Bild zu entdecken, dass Gott in dieser Stunde von ihnen vorliegen hat. Und da versteht es sich fast von selbst, dass ihr bisheriges Bild von sich mindestens ausgeweitet oder sogar gründlich verändert wird durch das, was sie Gott sehen lässt. Da ist es keine Frage, dass sie nicht dort sitzen bleiben, wo sie sich eingerichtet haben:
Nathanael unter seinem Feigenbaum – im Schatten, wo man sich in aller Ruhe die Dinge aus der Distanz betrachten konnte. Vertieft in seine Studien und doch eingegrenzt auf sein eigenes Urteil, was er denn jetzt glauben soll und was nicht. „Was kann aus Nazareth Gutes kommen?“ – er hat ja Recht mit seiner skeptischen Frage. Das Zeugnis der Heiligen Schrift aus dem Alten Testament gibt Hinweise, dass Nazareth zum „Galiläa der Heiden“ gehört. Und dass der versprochene Retter aus Bethlehem, der „Stadt Davids“, kommen soll. Wenn alles so klar und berechenbar ist, wo endet dann mein Horizont? Wie weit reicht dann meine Erkenntnis? Nur so weit, wie es mein Verstand erfassen kann? Wie es meine Berechnungen zulassen? Genügt mir meine Welt, die ich mir aus Daten und Fakten aufbaue?
„Komm und sieh!“ – das ist die Einladung unter den „offenen Himmel“. Eine Einladung, sich nicht zu begnügen mit dem eigenen kleinen Kosmos. Es ist die Einladung, Erde und Himmel in einem Zusammenhang zu sehen, der sich in Gott begründet und über alle Daten und Fakten hinaus reicht. Es ist letztlich die Einladung, selber aktiver Teil der Welt Gottes zu sein. Und das ist dann eine „Stunde des Anfangs“, das ist Kennzeichen von „Menschen der ersten Stunde“. Zu den „Männern und Frauen der ersten Stunde“ gehören wir alle, die wir Gott in Jesus Christus kennen und seinen Ruf vernommen haben. Auch wenn wir mit unseren Ideen nicht gleich die halbe Welt in Begeisterung oder in Bewegung setzen.
„Komm und sieh!“
„Komm und sieh!“ – das wird gesagt zu Philippus, den wir hier als den praktisch zupackenden Menschen kennenlernen, sein Name heißt auf Deutsch = „Pferdefreund“. Und es wird gesagt zu Nathanael, dessen Name auf Deutsch = „Gottesgeschenk“ bedeutet. Ein Wahrheitssucher, der den Dingen auf den Grund gehen möchte und sich lieber aus dem Gedränge heraus hält. Gott hat mit jedem von ihnen seine Geschichte und seinen eigenen Weg. Und das ist bei uns auch nicht anders. „Komm und sieh“ hört sich bei Einem vielleicht so an wie einst bei Kirchenvater Augustinus, dem gesagt wurde: „Nimm und lies!“ Und für die Andere klingt die Einladung Gottes wie bei Paulus und der neuen Jahreslosung: „Lass dir an meiner Gnade genügen; meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“
Nathanael klappt seine Bücher zu und überwindet seine Skepsis. Und als er mitgeht und sich näher auf Jesus einlässt, macht er die umwerfende Erfahrung, dass er bei IHM schon bekannt ist: „Siehe, ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist“.
(2) Ich habe dich gesehen.
Ist das nicht eine Grunderfahrung des Glaubens? „Als du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich“. Bevor ich mich nach Gott umschaue, hat ER mich schon im Blick. Bevor ich mir die Frage stelle, was es noch geben könnte für mein Dasein und den Sinn meines Lebens, ist ER schon unterwegs zu mir. Ehe ich es in Worte fassen kann – mein Sehnen und Hoffen, gibt ER mir sein Wort, dass ER mich kennt.
Nathanael macht einen Schritt in die richtige Richtung und erlebt, dass Gott in Jesus Christus längst den ersten Schritt vollzogen hat. Was zwischen dem „Israeliten ohne Falsch“ und dem Rabbi aus Nazareth passiert, würde ich umschreiben mit „glücklichem Erschrecken“ und damit, dass irgendwie der Funke überspringt. Der Funke, den die Liebe Gottes entzündet und der Vertrauen schafft.
Da liegt natürlich die andere Frage - unsere Frage - nahe: „Woher kennst du mich?“ Verrät diese Frage nicht viel von mir und meinem Leben?! Höre ich da die Befürchtung heraus, dass mich Einer durchschaut und meine Schattenseiten im Blick hat? Doch Jesus nimmt uns nicht unter die Lupe mit Röntgenblick, um dann das Skalpell anzusetzen und zu schneiden. ER schaut auf uns als ein „Seelenverwandter“, als vertrauter Freund: „Woher kennen wir uns? Wieso weißt Du über mich so gut Bescheid?“ - ER weiß Bescheid, weil ER Mensch wurde, in der Krippe geboren, und Mensch geblieben ist bis zur bitteren Neige am Kreuz. Und so kennt ER mich und uns als bedürftige Wesen, mit Stärken und Schwächen, mit Abwehr und Sehnsucht. Und mit dem Verlangen, gebraucht und anerkannt, ja geliebt zu werden. ER sieht hinter mancher Maske die Sehnsucht nach Zuneigung und angstfreier Gemeinschaft, hinter meiner Selbstbehauptung die Suche nach dem richtigen Weg und nach dem Sinn des Ganzen. Und ER ist mir auch zugewandt in meiner Ichbezogenheit und Stärke, mit der ich alles im Griff haben möchte.
Und das alles begegnet einem Philippus und Nathanael mitten im Alltag. Unter dem Feigenbaum. Kein Alltag ist zu gering, als dass mir nicht der Horizont aufgerissen werden könnte durch seine Stimme. Keine Wand ist zu dick, als dass mich nicht sein Blick treffen könnte. Wir können Ähnliches erzählen, auch wenn unsere Geschichten ganz verschieden ausfallen. Jesus zeigt uns, dass sich nichts dazwischen schieben kann, zwischen Gott und uns. Weil es nichts gibt, was Gott nicht schon wüsste von mir. Und dass ER mich liebt, gerade so, wie ich bin. Für IHN gibt es ja keine unliebsamen Überraschungen mehr, wenn ER mich anschaut. ER geht mit seinem Wissen über mich völlig anders um, als es unter uns und in der heutigen Medienwelt üblich ist. Mitten in der täglichen Gewohnheit will Gott Neues beginnen, Vertrauen und Glauben wecken; geht ER Schritte an der Seite von Menschen. ER sucht und findet mich, damit ich meinen Platz finde in seinem Haus. Ist das nicht zum Staunen?
(3) Im Haus des Glaubens.
Zu allen Zeiten findet und sucht Gott Menschen, die ER mitnimmt auf seinen Weg. Und immer kann ER aus kleinen Anfängen etwas wachsen und gedeihen lassen. Das ist ja im Evangelium von Johannes das große Thema: Kommen, Sehen, Bleiben. Johannes, Philippus, Nathanael, Andreas, Simon Petrus – sie und viele nach ihnen bis heute wurden gefunden und haben gefunden. Was sie gefunden haben, war dieses: ich bin erkannt und zugleich geliebt.
Ich bin, der ich bin und muss nicht bleiben, der ich bin. Bei IHM bin ich zuhause, obwohl ich manchmal so unbehaust leben muss – in Spannungen, Streit, körperlichen Gebrechen, seelischen Löchern, wirtschaftlichen Schieflagen, persönlichen Tiefschlägen, in Verlust, Leid, Angst und Sorge. Doch ich darf im Haus des Glaubens sein, in seinem Haus. Und sein Haus ist für mich geschaffen. Jesus will in mir Wohnung nehmen, als könnte ich so etwas wie „Gottes Tempel“ sein. Der Ort, wo die Engel wie bei Jakobs Himmelsleiter herab- und hinauffahren. Der Ort, wo der Himmel über mir offen ist und meine Füße auf festem, geheiligtem Boden stehen. Denn da, wo Jesus ist, ist der Himmel offen, ist Gottes Haus für uns. Dabei lässt ER es offen, welches für mich der passende Zugang zu IHM ist – ob als Sohn von Maria und Joseph, als Rabbi und König, als Gottes Sohn oder als der Menschensohn. Wir dürfen IHN mit allen Namen ansprechen und in aller Dankbarkeit preisen.
Amen.
