Text der Reihe III am 19. Sonntag nach Trinitatis
gepredigt in Stetten a.H. am 30.10.2011
Liebe Gemeinde,
das Thema dieses Gottesdienstes ist Jesu Wirken in unserer Welt. Mit hinein genommen in dieses Wirken Jesu sind wir als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einer Gemeinde. So habe ich zu Beginn unseres Gottesdienstes das Thema benannt und die Brücke geschlagen vom Gottesdienstthema heute zum Thema Mitarbeiterschaft in einer Gemeinde.
Beides hören wir auch in unserem Predigttext aus dem Markusevangelium. Ich lese Markus 1,32-39.
Am Abend aber, als die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm alle Kranken und Besessenen. Und die ganze Stadt war versammelt vor der Tür. Und er half vielen Kranken, die mit mancherlei Gebrechen beladen waren, und trieb viele böse Geister aus und ließ die Geister nicht reden; denn sie kannten ihn. Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort. Simon aber und die bei ihm waren, eilten ihm nach. Und als sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich. Und er sprach zu ihnen: Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Städte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen. Und er kam und predigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die bösen Geister aus.
Liebe Gemeinde, unser Predigttext erzählt uns aus der Anfangszeit des Wirkens Jesu. In den 31 Versen zuvor wird Jesu Taufe geschildert, die Berufung der ersten Jünger Jesu, seine erste Predigt in Kapernaum, seine erste Dämonenaustreibung und die erste Heilung. Jetzt geht es weiter, zunächst immer noch in Kapernaum im Haus der Schwiegermutter des Petrus. Sie war es, die Jesus gesund gemacht hatte von ihrem Fieber.
Jetzt geht es weiter – aber nicht mit einer einzelnen Geschichte, sondern mit einem zusammenfassenden Bericht über das, was Jesus tat. Markus erzählt uns nicht Einzelheit um Einzelheit, sondern in der Zusammenschau vieler Heilungen und Dämonenaustreibungen beschreibt er die grandiose Vollmacht Jesu.
Jetzt geht es weiter - und wir sehen, woher Jesus seine Kraft holt. In einem eigenartigen Kontrast zum Tumult in Kapernaum erwähnt Markus die Einsamkeit, die Jesus sucht.
Jetzt geht es weiter - und Jesus verlässt Kapernaum, um in den anderen Städten und Dörfern in Galiläa auch zu predigen. Wieder keine Einzelheiten aber ein umfassender Blick auf Jesu Wirken. Grandios kann man da nur sagen.
Und diesen drei Aspekten, wie es mit Jesu Wirken weitergeht, will ich folgen in drei Gedankenkreisen auch zur Mitarbeit in einer Gemeinde.
1. Es gibt viel zu tun.
2. Die Kraft kommt aus der Stille
3. Die Aufgaben kommen von Gott.
1. Es gibt viel zu tun.
Es gibt viel zu tun für Jesus. Die einzelne Predigt in der Synagoge in Kapernaum schreckt die Leute auf. Er lehrt mit Vollmacht.
Jesu Predigt schreckt einen Mann auf mit einem bösen Geist und er treibt diesen Geist aus. Und die Leute sehen das, erleben das mit und sind begeistert. So bringen sie zu ihm allerlei Kranke und Besessene. So viele Leute kommen zusammen, dass es hier heißt, die ganze Stadt war versammelt. Und er half vielen Kranken und Besessenen.
Jesus hat viel zu tun. Und er tut es. Aber ein eigenartiger Kontrast bleibt doch: Sie brachten alle Kranken, die ganze Stadt, er half vielen. Konnte er manchen nicht helfen? Sonst heißt es ja auch öfter: Er half allen Kranken.
Nun muss man das „alle“ Kranken nicht unbedingt so verstehen, dass es keine Kranken mehr gab, die zuhause geblieben wären. Der Gelähmte, der durchs Dach herabgelassen wurde, wurde auch in Kapernaum geheilt. Er war an diesem Abend daher nicht dabei. „Alle“ kann auch „allerlei“ Kranke heißen, also mit verschiedenen Krankheiten geplagte Menschen. Und der Ausdruck „die ganze Stadt“ kann auch heißen, es waren so viele, dass man meinen könnte die ganze Stadt sei auf den Beinen. Denn in den schmalen Gassen einer antiken Kleinstadt wäre kein Platz gewesen für alle Einwohner.
Wie dem auch sei, Jesus hat viel zu tun. Seine Vollmacht als Sohn Gottes ist riesig. Aber er kann auch nicht alles. Die Zeit reicht nicht. Er kann nicht gleichzeitig überall sein. Es gibt menschlich irdische Grenzen für sein Wirken.
Diese Beobachtung ist mir wichtig. Sie ist mir wichtig für mich selbst und für unsere Gemeinde. Es gibt viel zu tun. Das ist richtig, auch bei uns.
Sicher, wir sind nicht Jesus. Aber wir wollen Gemeinde leben, wir wollen Menschen helfen, wir wollen von Jesus weitersagen und wünschen uns, dass Menschen zum Glauben kommen, Kinder und Erwachsene. Es gibt viel zu tun.
Es gibt viel zu tun, weil es viele Möglichkeiten gibt, als Gemeinde zu wirken, Gott sei Dank. Es gibt tolle Programme, tolle Angebote, die andere Gemeinden machen, es gibt eine große Vielfalt an Möglichkeiten. Und es gibt viel zu viele Menschen, die wir mit unseren Angeboten noch nicht erreichen, die kein Interesse haben oder das Passende noch nicht gefunden haben.
Es gibt viel zu tun, aber auch wir können nicht alles tun. Jede und jeder von uns hat seine Möglichkeiten, aber auch seine ganz natürlichen Grenzen. Ich sehe das bei Jesus in unserem Predigttext wieder ganz neu. Und das tröstet mich. Wir brauchen auch nicht alles können und alles machen. Sicher, je mehr engagierte Mitarbeiterinnen dun Mitarbeiter wir haben, desto mehr geht. Aber wenn wir sie nicht haben oder sie sich nicht einbringen wollen, dann müssen auch wir sagen, wir haben’s nicht auszuführen. Umso mehr bin ich froh und dankbar für das Viele, das es bei uns gibt und für die vielen Menschen, denen bei uns geholfen wird. Es gibt viel zu tun.
Dazu kommt nun aber das zweite: Die Kraft kommt aus der Stille
Jesus stand auf und ging hinaus. Er betete dort.
Ich bin immer wieder beeindruckt, wie wichtig das für Jesus ist. Er ist der Sohn Gottes. Er hat Vollmacht. Er ist vom Himmel auf diese Erde gekommen. Und doch zieht er sich immer wieder raus, Kraft zu schöpfen, Atem zu holen, sich auszurichten im Gespräch mit dem Vater. Beeindruckend.
Sicher stehe ich auch manchmal früh auf noch vor Tage, wie es hier heißt. Aber das mache ich dann, wenn ich am Tag vorher meine Arbeit nicht fertig bekommen habe. Eine Relistunde, die nicht vorbereitet ist oder ein Gottesdienst. Vor Tage heißt dann vielleicht 6 Uhr oder 6.30 Uhr, für manche die Frühschicht haben ist das eine Zeit, in der sie schon längst in der Arbeit sind. Jesus ging zwischen 3 und 6 Uhr aus dem Haus, aus der Stadt an einen einsamen Ort und das nach einem Tag und einem Abend wie dem, wo er viele Kranke heilte. Gerade da hätte er seinen Schlaf nötig gehabt. Oder hatte er gerade da die Stille vor Gott besonders nötig?
Eine interessante Frage. Martin Luther sagte einmal: Heute habe ich viel zu tun, heute muss ich viel beten. Er sieht also die Notwendigkeit, das Viele, das zu tun ist, im Gebet zu begleiten. Viel tun heißt viel beten.
Ähnlich beschreibt es die Geschichte zweier Bauern aus der Zeit, in der man mit Sichel und Sense seine Wiese mähte. Gevatter, sagte der eine Bauer, Gevatter, mach mal Pause. Er wollte noch weiterreden, da viel ihm der andere ins Wort: Keine Zeit, ich hab so viel zu tun. Der andere hatte auch viel zu tun, seine Wiese war genauso groß und das Gras ebenso hoch. Aber er machte eine Pause und vesperte, dann schärfte er seine Sense und legte los. Am Ende war er schneller fertig als der Nachbar. Denn vor lauter Arbeit vergaß der andere seine Sense zu schärfen und mühte sich ab und mähte mit der stumpfen Sense.
Natürlich wäre die Wiese nie und nimmer gemäht worden, wenn der eine Bauer nur vesperte und vor lauter Sense schärfen vergessen hätte die Wiese zu mähen. Aber zwischen beiden Extremen, da liegt der goldene Mittelweg vollmächtigen Wirkens auch in unserer Welt. Jesus macht es uns vor. Und er zeigt uns, woher er seine Kraft nimmt. Hier und vor allem auch im Garten Gethsemane. Dort wird die Stille vor Gott am eindrücklichsten beschrieben, dort hat sie auch die bedeutendsten Konsequenzen. Aus der Stille heraus hat Jesus die Kraft seinen Weg ans Kreuz zu gehen. Seine Kraft kommt aus der Stille vor Gott, aus dem Reden mit ihm. Und dann auch das andere, das Dritte, was ich hier entdecke:
Die Aufgabe kommt von Gott
Petrus und andere kommen und suchen ihn. „jedermann sucht dich“, sagen sie. Toll, oder? Du wirst gebraucht, ohne dich geht es nicht. Jedermann sucht dich, komm, damit du ihre Bedürfnisse stillst, damit du ihre Wünsche erfüllst, damit du weitermachst. Komm.
Nicht einmal seine Stille vor Gott kann Jesus in Ruhe halten. Aber diese Stille vor Gott hat eine ganz konkrete Auswirkung: Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Städte, das sich auch dort predige, denn dazu bin ich gekommen.
Warum lehnt er ab? Er war doch der Held. Er hätte vielen, allen, jedem helfen können? Doch wenn es konkrete irdische Grenzen auch für sein Wirken gibt, auch wenn es viel zu tun gibt und die Kraft dazu aus der Stille kommt, dann kann er doch nicht alles auf einmal und zur gleichen Zeit tun, auch nicht Jesus. Und dann braucht er Klarheit, was wann wie dran ist. Genau das aber bringt ihm hier die Stille. Genau das ist an dieser Stelle wichtig. Jesus lässt sich nicht blenden von dem, was die Leute brauchen und wollen. Er lässt sich nicht blenden vom Satz der Jünger: Jedermann sucht dich. Er sieht seine Aufgabe klar: Predigen in erster Linie, von Heilen ist hier nicht die Rede. Das kommt auch, wir hören das im Anschluss, aber die Predigt ist seine Hauptaufgabe. Und die Predigt nicht nur in Kapernaum, sondern auch in anderen Städten. Weil Jesus sich nicht zerreißen kann, deshalb muss er sagen: Das mache ich jetzt nicht, wir gehen woanders hin. Später kommt er wieder nach Kapernaum zurück. Aber jetzt ist was anderes dran.
Welche Aufgabe ist für mich, für unsere Gemeinde, für unsere Kirche dran? Es gibt viel zu tun, die Kraft kommt von Gott, aber auch die konkrete Aufgabe.
So lebt Jesus sein Mitarbeiter sein im Reich Gottes. So lernen es die Jünger bei ihm, auch wenn Simon Petrus hier von Jesus eine Ablehnung, ein Brett kassiert. Und wenn sie es nicht verstehen, die Klarheit und Wahrheit liegt bei Gott.
Auch für uns. Ich gebe zu, das ist nicht einfach. Und wir müssen darum ringen, was wirklich wichtig ist. Wir müssen uns die Zeit nehmen für Stille vor Gott, um uns die Kraft zu holen, um aus den vielen Bedürfnissen, die Aufgaben für uns herauszuhören. Aber es geht nichts daran vorbei.
Jesus macht es uns vor. Und ich wünsche uns, dass wir ihm darin folgen, dass wir sehen, was zu tun ist, dass wir uns in der Stille die Kraft holen und die Aufgaben, die wir anpacken können. Und ich bin mir sicher, die Vollmacht, in der wir unseren Dienst tun, wird zeigen, ob wir dann auf dem richtigen Weg sind. Amen.
Pfarrer Martin Bulmann, Stetten am Heuchelberg