Predigt mit Jesaja 6,1-13
Text der Reihe III am Sonntag Trinitatis
gepredigt in Kleingartach und Stetten a.H. am 19.06.2011
Liebe Gemeinde,
dieser Sonntag heute wird in den nächsten Wochen in vieler Munde sein, zumindest Sonntag für Sonntag. Denn ab nächste Woche haben die Sonntage keine eigene Namen mehr, sondern werden nur noch gezählt: 1., 2., 3. Sonntag nach Trinitatis.
Aber: Auch wenn dieser Sonntag heute, dieser Sonntag Trinitatis in aller Munde sein wird, was wollen wir damit anfangen. Trinitatis, Dreieinigkeitsfest? Ein Festsonntag ist das nicht, kein besonderer Feiertag, deshalb sage ich auch lieber: Dreieinigkeitssonntag als Dreieinigkeitsfest.
Zumal die Dreieinigkeit Gottes etwas ist, das zu den schwierigsten Inhalten unseres christlichen Glaubens gehört. Schwierig für Christen selbst, und schwierig für Nicht-Christen und andere Religionen das zu verstehen. Ich beschäftige mich gerade ein wenig mit dem Islam und da gehört das eben zu den christlichen Glaubenssätzen, die total abgelehnt werden. Gott ist einer, und nicht drei in einem. Gott ist der hohe der Erhabene, aber er hat keinen Sohn und einen Geist braucht er nicht.
Verstehen wir das selbst mit der Dreieinigkeit?
Schon rein mathematisch haben wir das anders gelernt. 1+1+1+ gibt 3. Hier bei der Dreieinigkeit muss es heißen: 1+1+1 gibt 1.
Es gehört ja mit zu den Besonderheiten der Bibel, dass sie zwar eine Dreiheit von Gott, dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist voraussetzt, aber nirgends etwas Konkretes über die Dreieinigkeit schreibt. Jesus kann sagen: „Ich und der Vater sind eins. Oder: Ich will euch den Geist senden. Er wird’s von dem meinen nehmen und verkünden. Gott sendet den Geist in meinem Namen. Ich komme zu euch.“ Aber wie konkret das mit der Dreieinigkeit ist, das beschreibt die Bibel nicht. Auch unser Predigttext heute scheint uns wenig weiterzuhelfen. Denn da ist zwar von Gott die Rede, von Gott im Himmel auf dem Thron. Aber von einem Sohn Gottes oder einem Heiligen Geist wird nicht gesprochen. Nur an einer Stelle wird eine Dreiheit erwähnt: Heilig, Heilige, heilige ist der Herr. Die Lande sind seiner Ehre voll. Das ist ja auch der Wochenspruch. Gott ist der dreimal Heilige. Und man kann dahinter die Dreieinigkeit vermuten – wenn man sie kennt und weiß, was das ist. Nur, das müssten wir heute Morgen zunächst entdecken.
Mir selber hilft ein Beispiel aus der Chemie, mich der Dreieinigkeit zu nähern. Wobei sie das mit Chemie nicht so hoch hängen dürfen, ich war in der Schule selten gut in Chemie.
Es gibt da in unserer Welt einen Stoff, der hat die chemische Formel H2O. Auf Deutsch heißt dieser Stoff: Wasser.
Wasser ist flüssig. Ich kann damit schön die Blumen gießen, ich kann das Wasser trinken oder mich damit Waschen. Früher musste ich Wasser holen an der Regentonne, wenn meine Eltern mich zum Gartengießen angeheuert haben.
So, jetzt stellen sie sich vor, sie sind in Grönland und sagen zu einem Eskimo bei Minus 20 Grad „geh mal Wasser holen“. Was macht der? Was holt der Ihnen? Der holt Wasser. Das sieht aber ganz anders aus. Das ist nämlich dann in Grönland Schnee oder gar Eis. Jetzt bringt der ihnen Eis und lässt es in einem Topf schmelzen. Und dann ist es flüssiges Wasser, so wie wir das kennen. Und wenn das Wasser kocht? Dann wird es auf einmal weniger. Dann fliegt ein Teil des Wassers weg. Wie kann es auf einmal fliegen? Nun wenn Wasser erhitzt wird, dann entsteht Wasserdampf und der geht weg.
Merken Sie, was das mit unserer Dreieinigkeit zu tun hat? Das ist Wasser. H2O wie der Chemiker sagt. Nur es liegt uns in drei verschiedenen Zuständen vor, je nach Temperatur. Fest als Eis, flüssig so wie wir es kennen und gasförmig als Wasserdampf. Das Tolle ist: Je nach Zustand hat es andere Wirkungen. Als Eis ist es fest. Es kühlt und erfrischt. Flüssig kann es getrunken werden oder zum Waschen genutzt werden. Im Wasserdampf steckt Energie, die eine Dampfmaschine nutzt oder ein Schnellkochtopf. Aber egal, was es ist, ob fest, flüssig oder Dampf, es ist immer H2O, es ist immer noch Wasser.
Ich habe also ein und denselben Stoff in drei verschiedenen Formen mit drei ganz unterschiedlichen Wirkweisen. Und nichts anderes ist es mit Gott und der Dreieinigkeit. Gott ist für mich ein Wesen in seinen drei verschiedenen Gestalten als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Je nach Wirkung begegnet er uns in einer dieser drei Gestalten.
Welche das sind, das möchte ich nun mit unserem Predigttext deutlich machen, denn das ist der Clou dieser Berufung des Jesaja: Da begegnet ihm der eine Gott in drei verschiedenen Wirkungen als der Dreieinige. In diesen drei Wirkungsweisen erkennen wir Gott den Vater, Gott den Sohn und Gott den Heiligen Geist.
1. Gott der Vater sitzt im Himmel auf dem Thron als Schöpfer, Herrscher und Richter.
Jesaja hat eine Vision. Er sieht etwas im Traum oder im wachen Zustand, quasi als einen Film, der vor seinen Augen abläuft.
Er sieht Gott. Wobei er nicht sein Gesicht sieht, sondern nur den Thron, eine Gestalt auf dem Thron und den Saum seines Gewandes. Der Saum des Gewandes allein füllt den Tempel. Demnach kann Jesaja nicht viel von Gott sehen. Gott ist zu weit weg, wenn er nur bis zum Saum kommen kann. Das alles ist viel zu groß und zu riesig. Und wie hatten wir uns das am Himmelfahrtsfest überlegt: Ein Haus, der Tempel in Jerusalem, kann Gottes Gegenwart nicht fassen. Jesajas Vision bestätigt das. Gott ist viel zu groß, als dass der Tempel, als das ein irdisches Gebäude ihn fassen könne.
Genau das ist es, was Jesaja hier erlebt und spürt: Gott in seiner Größe und Heiligkeit. In seiner Erhabenheit, in seiner Macht. Er ist der Schöpfer, der Herrscher der Welt. Und er ist der Richter.
Jesaja hört die Stimme Gottes, wie sie ihm den Auftrag gibt seinem Volk eine Unheilsbotschaft zu bringen. Hier wird nicht gesagt warum, aber aus der Geschichte Jesajas wissen wir: Weil sich das Volk von Gott abgewendet hat und sich nicht mehr an ihn hält, sondern anderen Göttern nachläuft und sich seine eigenen Gesetze macht ohne auf Gottes Gebote zu achten, deshalb wird das Volk verstockt und das Land verwüstet werden. Deshalb werden die Einwohner deportiert werden und nur ein Rest übrig bleiben.
Gott ist der Hohe, der Erhabene, der Herr. Und er lässt nicht alles mit sich machen. Seine Geduld ist grenzenlos, aber nicht unendlich. Er zieht die Konsequenzen aus dem Verhalten Israels und nimmt seine Geschichte in die Hand. Gott, der Herr ist der Herr der Geschichte und lenkt und leitet die Völker.
Und dennoch: All das, was wir hier über Gott auf dem Thron sehen ist nur ein kleiner Ausschnitt seiner Größe. Jesaja erschaudert angesichts dieser Heiligkeit: Weh mir, ich vergehe!
Ich möchte mal einen Augenblick wegblenden zu uns und sie und mich fragen, wo wir solche Heiligkeit Gottes erleben dun erfahren? Gibt es das auch bei uns? Gibt es so was auch für Leute, die keine Visionen haben wie ein Jesaja?
Manche erleben Gottes Heiligkeit, wenn sie eine Kirche betreten. Wenn es still ist, wenn ein Raum uns in Beschlag nimmt und die Größe und die Höhe einer Kirche uns etwas spüren lässt von Gottes Größe. So haben ja die alten Baumeister viele Kirchen gebaut, die Dome und Münster. Sie sollten etwas von Gottes Herrlichkeit und Größe abbilden. Leider geht selbst da vielen Zeitgenossen das Gespür für Heiligkeit verloren, wenn sich Jugendliche in Kirchenbänke hineinlümmeln, die Füße hochlegen oder zumindest an den Bänken abstützen und meinten, sie seien Gast in einer Show wie „Wetten dass“ gestern oder gar im Kino. Nur das Popcorn fehlt noch.
Gottes Heiligkeit und Größe ist zu spüren in Liedern wie „Geh aus mein Herz und suche Freud“. Paul Gerhard beschreibt Gottes Wirken in der wunderbaren Natur. Und kommt dann zu der Überlegung: Ich selber kann und mag nicht ruhen, des großen Gottes großes Tun erweckt mir alle Sinnen.“ Er wird angesteckt durch seine Betrachtung, er wird angesteckt von der Größe Gottes in der Natur.
Viele Lobpreislieder in der modernen christlichen Musik wollen nichts anderes bewirken. Sie laden uns ein, mit Texten und Melodien uns der Größe Gottes zu nähern. Und Anbetung ist nichts anderes als sich gedanklich und betend vor Gottes Thron hin zu stellen und sich ergreifen zu lassen von diesem Gott. Da kann man nicht viele Worte machen wie der Jesaja. Da sind es die einfachen Texte und Melodien, die das Herz erheben und zu Gottes Thron führen. Da tut diese Musik uns heutigen Menschen einen ganz großen Dienst, weil sie uns wieder hinführt zu einer Ahnung von der Heiligkeit und Größe Gottes.
Das ist gut und schön, das lässt den Jesaja aber auch erschaudern, weil er den großen Unterschied spürt zwischen sich und der Heiligkeit Gottes: Weh mir, ich vergehe. Ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen.
Doch Jesaja vergeht nicht, nein, ihm wird geholfen. Und das ist die zweite Wirkweise Gottes, die im neuen Testament dann ganz typisch ist für Jesus Christus.
2. Gott offenbart sich in seinem Sohn Jesus Christus der Welt als Erlöser und Versöhner
Was passiert hier bei Jesaja? Jesaja erkennt angesichts der Heiligkeit Gottes seine eigene Schuld. Symbolisch wird das von ihm erwähnt mit den unreinen Lippen. Da kommt viel dummes und gottloses Geschwätz heraus. Aber er vergeht nicht. Er vergeht nicht, sondern wird von seiner Schuld erlöst. Einer der Seraphim kommt zu ihm und berührt seine Lippen mit einem Stück glühender Kohle vom Altar. Hier ist keine Rede davon, dass es Jesaja wehgetan hätte. Aber hier ist die rede davon, dass dieses Feuer, das die Lippen berührt, die Schuld nimmt und Versöhnung schafft.
Ein beeindruckendes Geschehen. UN dein beeindruckendes Bild von Vergebung und Gnade Gottes. Jesaja erkennt seine Schuld und die Schuld seines Volkes. Und die Schuld wird vergeben. Aus Gnade. Aus nichts sonst. Der Jesaja tut selber gar nichts. Er lässt es an sich geschehen, was Gott den Engel tun lässt.
Liebe Gemeinde, das aber ist Erlösung und Versöhnung, wie wir sie aus dem Neuen Testament kennen und wie wir sie immer wieder empfangen können in Jesus Christus. Zu uns kommt kein Seraphim mit glühender Kohle vom Altar des Tempels. Wir haben den gekreuzigten Christus vor Augen, Jesus von Nazareth, den Sohn Gottes. Er ist am Kreuz für unsere Schuld gestorben, dass unsere Schuld von uns genommen und unsere Sünde gesühnt sei.
Das ist die Wirkweise Gottes in Jesus Christus, des Sohnes. Im Sinne der eben beschriebenen Dreieinigkeit. In Jesus kam Gott in unsere Welt, um sich uns zu offenbaren. Jesus zeigt uns den Vater, Jesus zeigt uns, wie Gott ist, wie er handelt, wie er denkt. Er ist das Fleisch gewordene Wort Gottes, wie es uns der Evangelist Johannes sagt. Und damit ist er die feste Form Gottes gegenüber Gott dem Schöpfer und Herrn dieser Welt. Gott wird in Jesus erfahrbar hier in unserer Welt.
Das alles gehört in die Vision des Jesaja hinein, aber das ist nicht ihr eigentlicher Sinn. Der eigentliche Sinn der Vision erschließt sich in einem Dritten, in einer dritten Wirkweise Gottes:
3. Gott, der Heilige Geist, ist seine Kraft, die uns sendet und uns begleitet, um in seinem Namen in dieser Welt zu wirken.
Wen soll ich senden? Fragt Gott, der Herr, nachdem er Jesaja erlöst hat. Jesaja stellt sich Gott zur Verfügung und bekommt einen Auftrag für sein Volk: Geh hin und sprich zu diesem Volk.
Kurz und knapp ist dieser Aspekt hier geschildert. Der Auftrag ist klar. Auch wenn er höchst spannungsvoll ist: Verstocke das Herz dieses Volkes. Wie könnte er das tun? Sollte er es nicht viel lieber für Gott gewinnen? Sicher, und seine Botschaft geht auch in diese Richtung. Aber Gott sieht schon in seiner Herrlichkeit, dass dieses Tun des Jesaja nicht viel Erfolg haben wird. Dieser Dienst des Jesaja wird in der Konsequenz dazu führen, dass die die ihn hören, sich noch mehr für Gott verschließen. In der direkten Konfrontation zeigt sich die direkte Ablehnung und Verstockung.
Wen soll ich senden? Gehet hin in alle Welt, sagt Jesus zu seinen Jüngern. Er sendet sie. Aber sie gehen nicht. Sie können noch nicht. Sie müssen erst noch warten auf den Heiligen Geist. Als der kommt, dann gehen sie los. Jesus sendet uns, aber der Heilige Geist, Gott in dritter Person ist es, der uns erst die Fähigkeit gibt, zu gehen und zu reden. Er gibt uns die Fähigkeit mit unseren Gaben zu wirken und uns einzusetzen für diese Welt. Gott, der Heilige Geist, ist der, der uns in Bewegung setzt, er ist Christus in uns, Gott in unserem Herzen. Durch ihn wohnen der Sohn und der Vater bei uns. Durch ihn haben wir Gewissheit des Glaubens und die Kraft zur Veränderung unseres Lebens.
Liebe Gemeinde, ohne dass hier in unserem Text von Dreieinigkeit die Rede ist, sehen wir doch den dreieinigen Gott am Wirken. Als der, der auf dem Thron sitzt in Herrlichkeit und Heiligkeit, als den der Versöhnt und erlöst und als den, der sendet und begabt, um in dieser Welt zu wirken. Drei Wirkweisen, passend zu den drei Gestalten des Wesens Gottes, Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Dieser Text heute Morgen will uns aber nicht nur helfen, die Dreieinigkeit Gottes zu verstehen. Er lädt uns ein in das Lob Gottes der Seraphim einzustimmen und er lädt uns ein, unser Leben mit diesem Gott zu gestalten. Wie das aussehen kann, dazu wollen uns nun die kommenden Sonntage Impulse geben. Und wenn es nun heißt: 1., 2., 3. Sonntag nach Trinitatis, dann soll uns das daran erinnern, wie Gott in uns, mit uns und für uns wirkt in dieser Welt. Amen.
Pfarrer Martin Bulmann, Stetten am Heuchelberg
